
Kolumne:
Augustus und die Folgen für die StartUp-Welt
Nico Lumma und Christoph Hüning vom Next Media Accelerator beschäftigen sich mit Menschen und Themen, über die man im Laufe der Woche sprechen sollte. Diesmal: Künstliche Intelligenz ist keine Frage des Alters

Foto: Tomas Medici -The Fish & The Knife / Montage: W&V
Augustus (“der Erhabene”) war der erste Kaiser des römischen Reiches. Sein Wirken war einerseits geprägt von einem skrupellosen Aufstieg zur Macht, dann aber auch einem friedensstiftenden Wirken, als er schließlich an der Macht angekommen war. In einer Zeit, in der Startups zumeist Namen verwenden, die modern und schnell klingen, gerne auch auf Vokale verzichten, fällt “Augustus Intelligence” schon mal aus dem üblichen Rahmen. Umso interessanter, wie es dieses Startup geschafft hat, eine so hohe Aufmerksamkeit in den Medien zu erzielen.
Von allem, was wir bisher wissen, waren Zeitpunkt und Kontext der öffentlichen Aufmerksamkeit wohl nicht so gewählt. Wir behandeln hier aber nicht die politische Dimension (die mit Sicherheit noch spannend wird), sondern die Frage, wie Startups aus dem Bereich künstliche Intelligenz (KI) in der Öffentlichkeit wahrgenommen werden.
Und das ist im aktuellen Fall leider sehr ärgerlich! Denn die Story (der Spiegel Artikel ist die erste und bisher umfassendste Quelle) befeuert sämtliche Klischees, was der Startup Industrie nur schaden kann. Der Plot in Kürze: Ein junges Unternehmen ohne Produkt und Umsätze, mit der Büroanschrift im World Trade Center New York, bezahlt Business Class Flüge und teure Dinner, um Investorinnen und vor allem auch Beiräte zu gewinnen. Immer dabei der Wille, politische Entscheider*innen zu adressieren, garniert mit einer leichten Prise Korruptionsverdacht oder zumindest Mauschelei.
Das sieht eher nach Glücksrittertum aus und erinnert an die Hochphase der New Economy Zeit, als vor allem Kosten verursacht und Phantasien geweckt wurden. Das echte Leben eines KI Startups sieht allerdings anders aus. Und vielleicht müssen wir an dieser Stelle auch definieren, wen wir noch Startup nennen. So wie niemand mehr Facebook oder Google als Startup titulieren würde, obwohl sie das mal waren, wurden und werden die Investitionen von Softbank in Unicorns wie WeWork oder Auto1 noch immer als Beispiele herangezogen, wenn es um startup-typische Entwicklungen geht, sei es New Work und Home Office oder geplante Börsengänge.
Inzwischen hat Augustus Intelligence erklärt, dass es im sog. Stealth Modus arbeitet, knapp 100 Mitarbeiter*innen beschäftigt und inhaltlich “Produkte, Dienstleistungen und Infrastrukturen, die Unternehmen auf ihrem Weg unterstützen, KI anzuwenden” entwickelt.
Wir arbeiten jeden Tag mit frühphasigen Startups, viele davon im Bereich KI, aber die Realität, die wir beobachten, ist eine andere als das oben genannte:
- Kostendisziplin ist oberstes Gebot für alle Startups, denn ohne relevante Umsätze oder Finanzierungsrunden droht die Insolvenz. Das ist bei Startups nicht anders als bei “klassischen” Unternehmen. Und nach der Finanzierung wollen professionelle Investorinnen erst recht wissen, was mit ihrem Geld passiert.
- Geschäftsreisen werden entsprechend vorsichtig und langfristig geplant. Wir sind mit unseren Teams regelmäßig unterwegs, vornehmlich in Europa, aber auch in Austin, Texas und New York City. Und immer wieder begeistert uns die Kreativität, mit der die Teams ihre Reisen buchen, um kosteneffizient zu bleiben.
- Noch heute freuen sich unsere Gründerinnen, wenn wir bei Events das Catering zahlen, ganz bestimmt werden sie keine Investorinnen oder potenzielle Beirätinnen zum Dinner in New York einladen (können). Diese ganzen Details aus dem Artikel erinnern uns mehr an die Klischees einschlägiger Filme als an echte Startups.
- Die Suche nach Investorinnen und Beirätinnen erfolgt über Netzwerke und vor allem auch Events. Zu jeder Branche gibt es passende Startup-Events, den Websummit, die Slush in Helsinki und viele mehr, bei der sich Investorinnen und Gründerinnnen exklusiv kennenlernen können.
- Dieser sog. “Stealth Modus” bringt nichts, im Gegenteil. Je häufiger ich meine Story pitche, desto schneller bekomme ich Feedback, das ich für die Weiterentwicklung nutzen kann. Geheimniskrämerei hat schon lange ausgedient. Ausnahmen gibt es natürlich bei bevorstehenden Patenten - und vielleicht in Branchen, in denen die Unterstützung ehemaliger Verteidigungsminister und Geheimdienstler vorteilhaft sein kann, aber da kennen wir uns nicht aus.
- Und einen “President in charge of General Affairs” hat auch kein Startup in unserem Netzwerk.
Gerade in einer Zeit, in der noch immer der Großteil deutscher Unternehmen den Nutzen von KI nicht einschätzen kann oder diese sogar als Gefahr interpretiert, würde es mehr helfen, europäische KI-Startups zu promoten und diesen zu helfen, Kundinnen und Investorinnen zu gewinnen. Daher gibt es Initiativen wie Applied AI aus München und AI.Hamburg aus Hamburg, die die Zusammenarbeit von Unternehmen, Forschungseinrichtungen und Startups vorantreiben. Die Liste der Startups aus Deutschland, die auf Künstliche Intelligenz setzen, um innovative Produkte zu entwickeln, wird immer länger.
Ach ja, viele der Gründerinnen mit denen wir arbeiten sind jung, die meisten unter bis Anfang Dreißig, aber auch um die Fünfzig sind schon Einige. Wie auch immer, wir respektieren jede Einzelne als verantwortliche Unternehmerin und niemals nehmen wir das Alter als Entschuldigung oder Begründung für Fehlentscheidungen oder zur Relativierung des Erreichten.
Künstliche Intelligenz ist für viele Unternehmen der Schlüssel zum zukünftigen Erfolg, daher ist es sehr schade, dass interessierte Leserinnen derzeit den Eindruck bekommen, Startup-Gründerinnen mit Fokus auf KI sind vor allem auf Spesenrittertum und Dinner-Einladungen aus. Die Realität ist eine andere!