
Global Gender Report des Weltwirtschaftsforums:
Gleichberechtigung in 108 Jahren
Die Ergebnisse des weltweiten Berichts zur Gleichstellung sind ernüchternd. Vor allen Deutschland macht kaum Fortschritte, ermittelte das Weltwirtschaftsforum.

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Die Gleichberechtigung von Frauen und Männern hat maßgeblichen Einfluss darauf, "ob und wie Wirtschaft und Gesellschaft gedeihen". Schreibt das Weltwirtschaftsforum (World Economic Forum; WEF) in Genf anlässlich des aktuellen "Global Gender Reports".
Akzeptiert man diese Hypothese, sind die Aussichten für Deutschland eher mittelmäßig. Denn bei der Gleichberechtigung kommen wir nicht recht voran. In der Studie des WEF rutscht Deutschland um zwei Positionen auf Platz 14 in der Gesamtwertung von 149 Nationen ab.
Unter anderem, weil der Frauenanteil in den Parlamenten zurückgegangen ist - und Frauen nach wie vor schlechtere Bildungschancen haben als Männer. Hier ist Deutschland sogar Letzter gerworden, wenn man nur Westeuropa betrachtet knapp 98 Prozent - Platz 97 weltweit).
Betrachtet man Berufstätigkeit, Einkommen und die Quote unter Führungskräften, so liegt in Deutschland die erreichte Gleichstellung bei 73 Prozent (Platz 36). Die gute Nachricht: Vor 12 Jahren waren es erst 67 Prozent.
Aber bis zu Gleichstellung ist noch viel zu tun, wie die "Country Score Card" (unten) zeigt: Lohngleicheit, Führungskräfteanteil und politischer Einfluss sind ungleich verteilt. Und das klingt gar nicht besonders "2018". Die Digitalisierung verschärft die Ungleichheit offenbar noch.
Das Verhältnis von weiblichen zu männlichen Abgeordneten, Ministerinnen und Staatsoberhäuptern sind Faktoren, die zur Ermittlung der politischen Gleichberechtigung und Teilhabe herangezogen werden. Hier kommt Deutschland auf eine Quote von knapp 42 Prozent, immerhin Platz 12 weltweit. Vorreiter Island erreicht hier gut 67 Prozent. Deutschland hat seit 2006 aber Fortschritte gemacht, damals lag die Quote bei unter 37 Prozent.
Ruanda vor Deutschland
Am weitesten ist die Gleichstellung in Island, führend seit zehn Jahren: Dort sind Frauen und Männer zu 85 Prozent gleichberechtigt bei der Teilhabe an Wirtschaft, Politik, Bildung und Gesundheit. Platz zwei belegt Norwegen (83,5 Prozent) vor Schweden und Finnland (je 82,2 Prozent). Die Plätze fünf bis zehn gehen an Nicaragua, Ruanda, Neuseeland, Philippinen, Irland und Namibia.
Weltweit hat sich die Gleichstellung von Frauen und Männern auf 69 Prozent leicht verbessert - 32 Prozent betrage die Lücke, die geschlossen werden muss. Die größte Ungleichheit besteht in der Politik. Die ist die Geschlechterlücke noch zu 77 Prozent offen. In der Wirtschaft sind es noch 42 Prozent. Bei Bildung und Gesundheit ist die Geschlechterlücke im weltweiten Durchschnitt bereits zu rund 96 Prozent geschlossen.
Vollständige Gleichberechtigung weltweit in 108 Jahren
Wenn es in dem Tempo weitergeht, so das WEF, sei die Gleichstellung erst in 108 Jahren erreicht. Betrachtet man nur die Bereiche Wirtschaft und Politik, dauert es sogar 202 Jahre. Als Region ist Westeuropa hier am weitesten mit einer Gleichstellungsrate von knapp 76 Prozent - allerdings bei leicht rückläufiger Entwicklung.
Entsprechend würde es hier noch 61 Jahre dauern, bis dem WEF zufolge Frauen und Männer gleichberechtigt sind. Zum Vergleich: Auf 70 Jahre kommt Region Nummer zwei Südasien - Vorletzter würde Nordamerika mit 165 Jahren vor Ostasien und Pazifikraum mit 171 Jahren.
"Politische Entscheider und andere Interessengruppen können und sollten diesen Prozess beschleunigen. Dies ist in Bezug auf Gerechtigkeit und größere soziale Gleichheit sowie die wirtschaftlichen Erträge dringend geboten", empfiehlt die WEF-Studie.
Künstliche, männliche Intelligenz
Das WEF gibt den Global Gender Report seit 2006 jährlich heraus. Er wertet Statistiken internationaler Organisationen und Umfragen unter Führungskräften aus und misst Gleichstellung hinsichtlich Gesundheit, Bildung, Wirtschaft und Politik.
WEF-Gründer und -Vorstand Klaus Schwab im Vorwort: "Der gleichberechtigte Beitrag von Frauen und Männern zum wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Transformationsprozess ist von entscheidender Bedeutung." Gerade heutzutage könnten Gesellschaften nicht auf die Fähigkeiten, Ideen und Perspektiven der Hälfte der Menschheit verzichten, wenn es darum ginge, "das Versprechen einer wohlhabenderen und menschenzentrierteren Zukunft zu verwirklichen".
Doch bis dahin gebe es noch viel zu tun, belege die Studie 2018.
Sogar neue Bereiche der Ungleichheit tun sich auf: beispielsweise im Themenfeld künstliche Intelligenz (KI) beziehungsweise AI, Artificial Intelligence. Hier seien lediglich 22 Prozent der auf Linkedin geführten KI-Profis weiblich, 78 Prozent männlich - seit mehreren Jahren unverändert.
In Deutschland sind es gar nur 16 Prozent Frauen, die Lücke, also das Frau-Mann-Verhältnis, beträgt 82 Prozent.
Den höchsten Frauenanteil von Berufsprofilen mit KI-Kenntnissen auf Linkedin weisen Singapur, Italien und Südafrika mit je 28 Prozent auf (Gap: 61), Schlusslicht unter den Top-AI-Ländern ist Brasilien (14 Prozent Frauen).