
Erinnerungen von Frank Behrendt:
Der letzte Absturz des Gunter Gabriel
Frank Behrendts persönlicher Nachruf auf einen Sänger, der ihn beeindruckt hat, weil er als Typ eine "echte Marke" war.

Foto: Frank Behrendt
Gunter Gabriel war kein strahlender Held, er war ein "Sohn aus dem Volk", so nannte er auch sein Comeback-Album 2009. Er lebte auf einem Hausboot, war im Dschungelcamp, bereicherte die bunten Gazetten um manch schräge Geschichte. Aber er war vor allem auch einer, der richtig was konnte.
In unserem alten Konferenzraum im Keller am Hamburger Holzdamm konnte ich mich Ende der 90er Jahre selbst davon überzeugen. Ich war damals junger Geschäftsführer bei einem Musiklabel innerhalb von Polygram (heute Universal Music). Gemeinsam mit meinem damaligen Marketing-Mann Jochen Schuster brüteten wir über eine neue PoS-Kampagne, als plötzlich Gunter Gabriel hereinschneite.
Die Gitarre unterm Arm, die Haare zerzaust, alte Cowboystiefel, verwaschene Jeans, offenes Hemd. Er hatte keinen Termin, übliche Verhaltensmuster und Abläufe hatten ihn nie interessiert. Er war da und er wollte uns vier neue Songs vorspielen. "Hey Jungs, hört mal zu, die sind irre gut." Wir hörten zu und bekamen Gänsehaut. Die typische "Hey Boss, ich brauch mehr Geld"-Stimme, Texte die unter die Haut gingen und ein begnadeter handgemachter Gitarrensound. Gunter war ein Vollblut-Musiker, er hatte es einfach drauf.
Ein Song hieß "Gib nicht auf Daddy", der ist mir heute noch im Ohr. Gunter gab auch nie auf, auch wenn er viele Gründe dazu gehabt hätte. Mit Geld konnte er nicht umgehen, Peter Zwegat hätte eine Lebensaufgabe mit ihm gehabt. Die Schulden wuchsen dem deutschen Johnny Cash, wie er oft betitelt wurde, über den kantigen Kopf.
Aber Gunter war keiner, den das irgendwie umhaute. Er war das klassische Stehaufmännchen, ein Kämpfer der nicht jammerte und andere um Hilfe bat, sondern sich mit harter Arbeit an den langen Haaren selbst wieder aus dem Sumpf zog. Legendär waren seine Wohnzimmerkonzerte. Jeder konnte ihn buchen. Für 1.000 Euro kam er vorbei, gab ein Privatkonzert. Irgendwann hatte er so seine Schulden abgetragen – mit ehrlicher Musik, "etwas Anderes kann ich ja nicht". pflegte er dann zu sagen und lachte dazu dröhnend.
Sein Ende war tragisch. Einem Typen wie ihm hätte man einen Heldentod gewünscht. Auf der Bühne, in einer verrauchten Kult-Kneipe on Stage. Nach der letzten Zugabe umkippen und Ende. Leider kam es anders. Gunter Gabriel stürzte eine Steintreppe hinab und brach sich das Genick. Er schrieb auch einen Song, der "Ich bin ein Nichts" hieß. Den Refrain hat er live immer sehr melancholisch gesungen: "Ich bin ein Nichts, ich bin ein Niemand, ein winziges Detail mit ein paar Liedern".
Ich möchte Gunter da entschieden widersprechen: Du warst viel, ein Jemand, ein großer Künstler und Deine zahlreichen Lieder bleiben. Du warst ein Typ mit Ecken und Kanten und eine verdammt ehrliche Haut. Und davon gibt es heute viel zu wenig. Leider.