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Marcus Reiser ist CEO von 21Torr. Auf seiner Kundenliste stehen u.a. Rolf Benz, Samsung und das ZDF.
Marcus Reiser ist CEO von 21Torr. Auf seiner Kundenliste stehen u.a. Rolf Benz, Samsung und das ZDF. © Foto:Olaf Bender / 21 Torr

Bezahlung in der Werbung | | von Frank Zimmer

Das Gehaltsmodell von 21Torr: Vorbild für die Agenturbranche?

Marcus Reiser ist Geschäftsführer der Digitalagentur 21Torr mit Hauptsitz in Reutlingen und beschäftigt rund 70 Mitarbeiter. Reutlingen? Das war ein Fall für unsere Serie "Werber in der Walachei", in der wir Agenturen abseits der klassischen Werbemetropolen vorstellen. Durch den Kontakt mit 21Torr wurden wir auf das Gehaltsmodell der Agenturen aufmerksam und haben Marcus Reiser gebeten, sein Entlohnungssystem auf W&V Online vorzustellen.

Solidarität und Gewinnbeteiligung: Das Gehaltsmodell von 21Torr

von Marcus Reiser

Als Anfang 2002 das Platzen der Dotcom-Blase noch hör- und spürbar durch die Internet-Branche hallte, traf dies auch unsere 1994 gegründete Agentur. Obwohl wir finanziell auf sicheren Füßen standen und unsere Auftragslage stabil war, mussten wir doch einige Kollegen entlassen; unseren Standort in Berlin gaben wir im darauf folgenden Jahr auf.

Wir haben jedoch schon damals angestrebt, mit unseren Mitarbeitern dauerhafte und vertrauensvolle Bindungen aufzubauen – genauso wie wir auch mit unseren Kunden langfristige, solide Kollaborationen anstreben. Die Krise war deshalb ein guter Anlass dafür, über ein neuartiges Vergütungsmodell nachzudenken, das unseren Mitarbeitern ein branchenübliches Gehalt ermöglicht und zugleich kurzfristige Schwankungen in der Auftragslage abfedert. So wollten wir vermeiden, dass das Unternehmen in Momenten geringeren Umsatzes über Gebühr durch Personalkosten belastet wird.

Deshalb enthalten seit 2003 die Gehälter der Mitarbeiter von 21Torr einen variablen Anteil, dessen monatliche Höhe sich daraus berechnet, wie viel Gewinn in den beiden Vormonaten erwirtschaftet wurde. Von diesem Gewinn werden natürlich auch Rücklagen gebildet, Fortbildungsmaßnahmen finanziert usw. Eine Hälfte des Gewinns wird allerdings vollständig an die Mitarbeiter ausgeschüttet, so dass jeder Mitarbeiter den gleichen prozentualen Anteil seines variablen Gehaltsanteils erhält.

Die genaue Höhe der Ausschüttung kann dabei unterschiedlich ausfallen, da die Höhe des variablen Anteils je Mitarbeiter verschieden ist. Sie bestimmt sich zum einen durch die Höhe des Grundgehalts, zum anderen aber auch durch Position und Aufgaben im Unternehmen: Wessen Arbeit größeren Einfluss auf Umsatz und Gewinn der Agentur hat, hat üblicherweise auch einen größeren variablen Anteil im Gehalt.

Gegenüber den von vielen Unternehmen praktizierten jährlichen Boni hat unsere monatliche Gewinnbeteiligung den Vorteil, dass für die Mitarbeiter die lange Wartezeit entfällt und sich solch kurze Berechnungszeiträume leichter transparent darstellen lassen: Die Mitarbeiter werden jeden Monat vor der Überweisung der Gehälter über die Höhe der Ausschüttung informiert.

Diese Transparenz ist uns wichtig, denn ein Modell wie das unsere, dass die Mitarbeiter am Erfolg des Unternehmens beteiligt, ihnen aber auch einen Teil der Risiken aufbürdet, macht es notwendig, dass die Mitarbeiter großes Vertrauen darin haben, dass die Geschäftsführung ehrlich und wirtschaftlich sinnvoll agiert – und dass ihnen die Möglichkeit gegeben wird, dies auch über die konkrete Berechnung der Auszahlung hinaus nachvollziehen zu können. Deshalb werden die aktuellen Unternehmenszahlen auch bei Mitarbeiterversammlungen noch detaillierter vorgestellt, und jeder Mitarbeiter hat die Möglichkeit, die Zahlen bei der Geschäftsführung einzusehen.

Für 21Torr können wir heute feststellen, dass das ursprünglich aus einem Krisenmoment geborene Konzept sich als nachhaltig sinnvoll erwiesen hat. Nicht nur haben wir seit Jahren keine Mitarbeiter mehr aus wirtschaftlichen Gründen entlassen müssen, wir sind auch wieder weiter gewachsen: 21Torr ist seit 2010 erneut mit eigenem Büro und einer Unit auch in Stuttgart vertreten, im vergangenen November haben wir dort neue, ganz auf unsere Bedürfnisse zugeschnittene Büroräume bezogen.

Möglich wurde das auch, weil wir nach wie vor wirtschaftlich unabhängig sind und so ohne Druck von außen Entscheidungen treffen können, die zum Wohle der Agentur und ihrer Mitarbeiter sind.

Das Gehaltsmodell von 21Torr: Vorbild für die Agenturbranche?

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Wie 21Torr-Chef Marcus Reiser auf die Kritik am Gehaltsmodell reagiert

von Frank Zimmer

Vor gut zehn Tagen hat Agenturchef Marcus Reiser von 21Torr in einem Gastbeitrag für W&V Online das Gehaltsmodell seiner Reutlinger Digitalagentur vorgestellt. Dabei handelt es sich um ein System der variablen Gewinnbeteiligung. Unter den W&V-Lesern erntete er für seinen Beitrag nicht nur Zustimmung. Auch Mitarbeiter von 21Torr meldeten sich zu Wort. Ein Vorwurf lautete: Die konkrete Ausgestaltung sei völlig intransparent. Zusagen würden nicht immer eingehalten. W&V Online hat daraufhin nochmal bei Marcus Reiser nachgehakt.

Herr Reiser, trifft es zu, dass in Einstellungsgesprächen Gewinnbeteiligungen vorgerechnet werden, die in der Praxis kaum zu erreichen sind?

Marcus Reiser: Es gehört natürlich nicht zur Politik von 21Torr, Versprechungen zu machen, die wir nicht einhalten können. Die einzigen festen finanziellen Zusagen, die wir geben, betreffen das vereinbarte Gehalt. Wir teilen Bewerbern aber durchaus mit, wie sich die Ausschüttung im vergangenen Jahr oder in den letzten Monaten entwickelt hat. Dazu gehört dann auch die Aussage, dass die Höhe des variablen Anteils sich von Monat zu Monat, auch von Jahr zu Jahr unterscheidet.

Wie transparent sind die Berechnungen eigentlich? Gibt es eine unabhängige Instanz, die in die Bücher schauen darf?

Unsere Bücher werden jedes Jahr extern und unabhängig überprüft. Der variable Anteil ist ja nichts, was wir nach Belieben auszahlen, das sind vertraglich zugesicherte Boni und als solche Bestandteil der regulären Lohnzahlung. Darüber hinaus macht unsere Agentursoftware die Umsätze sichtbar und unsere Forecasts werden stets gemeinsam mit dem Team der Projekt- und Accountmanager erstellt. Wer es ganz genau wissen möchte, kann jederzeit nachfragen. Wir sind uns aber sehr bewusst, dass das ein heikles Thema in der internen Kommunikation ist. Wir freuen uns deshalb sehr, dass der Artikel in der W&V einzelne Mitarbeiter dazu angeregt hat, sich mit Anmerkungen und Kritik, aber auch konkreten Verbesserungsvorschlägen zu melden.

Wie transparent sind die Zahlungen eigentlich innerhalb der Belegschaft? Weiß man z.B. als Art Director bei 21Torr, was der Kollege in etwa verdient und wie hoch seine Gewinnbeteiligung ist?

Wir hängen keine Gehaltslisten aus, wenn Sie das meinen. Die konkrete Gehaltsgestaltung ist immer in Grenzen verhandelbar, aber es gilt die beschriebene Vorgabe, dass Mitarbeiter in herausgehobenen Positionen und mit mehr Verantwortung auch selbstverständlich höhere variable Anteile haben.

Wie hoch ist die Fluktuation bei 21Torr?

Ihre Frage unterstellt, dass uns Mitarbeiter vor allem wegen des Gehaltes verlassen würden; das ist aber nicht, was wir vermittelt bekommen. Manche suchen einfach nur Veränderung, es gibt private Gründe, viele junge Leute wollen nach Berlin – aus Gesprächen mit Kollegen aus der Branche weiß ich aber auch, dass die Fluktuation bei uns nicht höher ist als bei anderen Agenturen.

Da sind dann aber auch genug Leute dabei, die fortgehen, unser Gehaltsmodell also ganz genau kennen, und sich nach einer Weile bei anderen Arbeitgebern dafür entscheiden, wieder zu 21Torr zurückzukehren. Das freut uns doppelt, weil es uns zeigt, dass sie sich bei uns wohlfühlen, nicht nur was das Geld angeht. Dass manche Mitarbeiter, die uns verlassen, auch mit ihrem Gehalt unzufrieden sind, will ich gar nicht bestreiten; wir stehen da ja als Branche inzwischen in einem harten Wettbewerb nicht zuletzt auch mit unseren eigenen Kunden aus der Industrie und dem Mittelstand. Da werden zum Teil Gehälter angeboten, die wir uns bei 21Torr nicht leisten wollen – nicht zuletzt auch deshalb, weil sie das Unternehmen als Ganzes und damit die anderen Mitarbeiter unverhältnismäßig belasten würden.

Wir selbst bemühen uns auf der anderen Seite, darauf zu achten, dass die Arbeitszeiten unserer Mitarbeiter nicht aus dem Ruder laufen. Natürlich ist bei uns oftmals mehr zu tun, als wir eigentlich stemmen können – aber die Lösung kann nicht sein, Mitarbeiter in 80-Stunden-Wochen zu verbrennen. Das wird Ihnen bei 21Torr nicht begegnen. Was wir stattdessen begrüßen würden, wäre eine wirklich offene Diskussion über die Kombination von Gehalt und damit verbundener Arbeitszeit in der Agenturbranche.

Interview: Frank Zimmer

von Frank Zimmer - Kommentare Kommentar schreiben