
Interview:
"Deutschen Gründern fehlt oft die 'willingness to fail'"
Ein weiterer Online-Ticketing-Anbieter drängt auf den deutschen Markt: das US-Unternehmen Eventbrite. W&V-Autor Franz Scheele sprach mit Elsita Meyer-Brandt, Senior Marketing Manager European Union, über die Deutschland-Pläne vom Eventbrite, die Unterschiede zwischen der deutschen und amerikanischen Digitalszene und Fehler im Umgang mit Investoren.
Im Online-Ticketing Markt ist derzeit in Deutschland viel Bewegung – und die Zahl der Anbieter schon nahezu unüberschaubar. Nun drängt auch der amerikanische Ticketing-Anbieter Eventbrite auf den deutschen Markt. Die Site Eventbrite.de wurde zwar schon vor gut einem Jahr gelauncht, doch erst jetzt startet die eigentliche Vermarktung. W&V-Autor Franz Scheele sprach mit Elsita Meyer-Brandt, Senior Marketing Manager European Union von Eventbrite, über die Deutschland-Pläne des Unternehmens, die Unterschiede zwischen der deutschen und amerikanischen Digitalszene, Fehler im Umgang mit Investoren und die Netzwerk-Mentalität im Silicon Valley.
Frau Meyer-Brandt, sowohl in den USA als auch in Deutschland gibt es eine ganze Reihe von Start-ups im Ticketing-Bereich. Was ist das Besondere an Eventbrite?
Dass wir total skalierbar sind. Man kann seine Geburtstagsparty über die Plattform organisieren und dafür zehn Freunde einladen oder ein Konzert im Great Central Park mit 10.000 oder 20.000 Besuchern. Wir interessieren uns nicht nur für die großen Veranstaltungen. Im Gegenteil: ein Großteil unseres Wachstums kommt durch viele kleinere Veranstaltungen, die von ganz alleine auf die Plattform kommen. Zudem ist der Service für Veranstalter von Gratis-Events komplett kostenfrei.
Und worin liegt der Vorteil einer solchen Skalierung?
Jedes Event, das von uns gehostet wird, ist ein Marketing-Tool. Wir nennen das ATO, Attendee to Organizer Conversion. Das ist einer der größten Kanäle, über die wir neue Kunden gewinnen. Wir sind nicht rein B-to-B fokussiert. Wir wollen, dass die Nutzer auf unsere Seite kommen, um Events zu entdecken. Wir bauen also auch eine starke Community auf, über die zusätzlicher Traffic auf die Seite von Veranstaltern kommt. Das macht uns attraktiver als andere Plattformen.
In den USA ging Eventbrite bereits 2006 an den Start. Wie weit sind Sie mittlerweile in Deutschland?
Der Launch in Deutschland war erst im Juni 2012. Gleichzeitig mit Frankreich, Holland, Spanien, Italien, Portugal und Irland. Gestartet sind wir damals aber nur mit einer lokalen Seite und dem Euro. Es ging erst einmal darum, das Produkt überhaupt zu lokalisieren. Derzeit sind wir dabei, das Inventar zu füllen, und fangen auch erst jetzt mit der eigentlichen Vermarktung an. In den USA haben wir im vergangenen Jahr die Kommunikation umgestellt: Wir sprechen dort jetzt eher den Endkunden an als den Veranstalter. Generell bewegt sich unsere Plattform in Richtung Community-Plattform, die sich stark von normalen Ticket-Anbietern abgrenzt.
In welche Veranstaltungsbereiche wollen Sie hineingehen?
In den USA ist Eventbrite groß geworden, weil wir uns anfangs auf die Tech- und Start-up-Szene konzentriert haben. Denn das waren die Early Adopters. Wir haben beispielsweise die "TechCrunch Disrupt"-Konferenz in San Francisco geticketet und sind in dieser Community gleich akzeptiert worden. Daraus haben wir uns weiterentwickelt – mit Festivals und Musik, Sport, Kunst und Business-Konferenzen. Diesen Ansatz wollen wir auch in Deutschland fahren. Wir haben in Berlin deshalb gezielt die Tech- und Start-up-Szene angesprochen, in der uns mittlerweile fast jeder kennt. Wir arbeiten zum Beispiel mit dem "Pioneers Festival" in Wien, dem "European Pirate Summit", der "Langen Nacht der Startups" und "Hy! Berlin" zusammen. Jetzt müssen wir den nächsten Schritt machen und in eine andere Kategorie gehen, und wir konzentrieren uns da immer noch auf die Veranstalter.
Sie sind in Deutschland aufgewachsen, haben in den USA studiert, waren zwischenzeitlich wieder in Deutschland und sind dann nach San Francisco zu Eventbrite gegangen. Was ist Ihnen dort zuerst aufgefallen, was ist anders als in Deutschland?
Im Valley herrscht ein sehr starker Wettbewerb um Talente im Tech Bereich – ein "War for Talents". Das wirkt sich natürlich positiv auf das Angebot an Zusatzleistungen für die Mitarbeiter aus: Diese kleinen Extras, die man als Mitarbeiter bekommt, das kostenlose Mittagessen, die Yoga-Stunden, den Massageraum, das Fitnessstudio, den kostenlosen Bus mit WLAN ins Büro, die Gratis-Snacks. Außerdem ist die ganze Atmosphäre viel spielerischer, sehr offen, ausgesprochen locker. Die Unternehmen legen sehr viel Wert darauf, die Mitarbeiter auch außerhalb des Büros kennenzulernen und die Kommunikation der Mitarbeiter untereinander zu fördern.
Das gilt aber doch eher für die größeren, bereits etablierten Digitalunternehmen?
Nicht unbedingt. Selbst bei kleinen Start-ups ist der Austausch untereinander, die offene Kommunikation etwas, das ich so in Deutschland nur selten erlebt habe. Es gibt eine größere Transparenz.
Was ist Ihnen sonst noch aufgefallen?
Die Art des Netzwerkens. Es ist diese Buddy-mäßige Mentalität der Amerikaner. Es funktioniert ganz anders als in Deutschland. Wenn du in den USA jemanden triffst, dann stellt er dir sofort jemand anderen vor. Um Connections zu bitten ist etwas, das man in Deutschland nur sehr vorsichtig macht. In Deutschland sind die Menschen ein wenig zurückhaltender und manchmal vielleicht auch etwas steifer. In den USA trifft man auf eine offene, kollaborative Kultur. Davon kann man sehr profitieren.
Inwiefern?
Wenn man beispielsweise in den USA jemandem von seiner neuen Business-Idee erzählt, dann ist die erste Reaktion häufig "Ich weiß da jemanden, der etwas Ähnliches macht, den solltest du kennenlernen". Man kommt selten aus einer solchen Konversation heraus, ohne ein, zwei neue Kontakte zu haben. Und das geht dann sehr schnell. Da wird eine E-Mail geschrieben und man erhält fast immer eine Antwort. Wer nicht teilt, kommt langsamer voran als jemand, der offen über ein Projekt spricht. Diese Netzwerk-Mentalität ist etwas, das den Studenten schon an den Universitäten eingetrichtert wird. Und die Hemmschwelle, Informationen zu teilen, ist damit in den USA viel geringer als ich es in vielen anderen Ländern erlebt habe.
Leute wie der LinkedIn-Gründer Reid Hoffman weisen immer darauf hin, dass man dann aber selbst auch zurückgeben muss.
Genau. Was manche falsch machen, wenn sie neu ins Valley kommen, ist, dass sie über das Zurückgeben nicht nachdenken. Sie finden es zunächst ganz toll, wenn sie neue Kontakte bekommen. Viele sind dann so sehr damit beschäftigt, diese neuen Kontakte abzuklappern, dass sie das Zurückgeben völlig vergessen. Es ist auch nicht etwas, das sofort erwartet wird, aber es ist etwas, das das Netzwerk am Leben erhält. Damit die Leute auch dich als wichtigen Punkt in ihrem Netzwerk sehen.
Sprechen wir über Geld. Das ist ein Thema, bei dem es zwischen den USA und Deutschland ebenfalls gewaltige Unterschiede gibt. Nicht nur was die Höhe der Investitionen in Start-ups betrifft. Man hört häufig, dass deutsche Start-ups zu schnell versuchen, den Break-even zu erreichen.
Ja, die Zeit, die Start-ups in den USA haben, um schwarze Zahlen zu schreiben, ist auf jeden Fall länger. Vor allem, wenn man erkannt hat, dass das Business-Modell Sinn ergibt. Dann sind Investoren in den USA bereit, länger zu warten. Bei Eventbrite zum Beispiel machen wir momentan ganz bewusst keinen Gewinn. Anstatt Gewinne anzuhäufen, investieren wir unsere Umsätze in die Produktentwicklung und vor allem in die internationale Expansion. Das ist eine Investition in die Zukunft und unsere Investoren verstehen das.
Welche Fehler werden denn im Umgang mit Investoren gemacht?
Wenn man ein Produkt entwickelt, muss man auch zeigen, dass es von den Nutzern wirklich akzeptiert wird, bevor man damit rechnen kann, Geld von Investoren zu erhalten. Man kann also zwei Fehler machen: Dass man viel zu früh nach Geld fragt. Oder aber, dass man sehr perfektionistisch und aufs Detail bedacht viel zu lange in seinem Kämmerlein vor sich hin werkelt und nicht darüber nachdenkt, überhaupt erst mal Nutzer auf die Plattform zu bringen. Dann geht das Geld aus, und das ganze Projekt scheitert.
Letzteres hört man häufig speziell über deutsche Gründer.
Ja. Es hängt mit der fehlenden "willingness to fail" zusammen. Wenn man eine nicht perfekte Version eines Produkts auf den Markt bringt, dann hat die natürlich Fehler. Aber es ist besser auf diesem Weg zu lernen, zu verbessern und weiter zu wachsen, als gleich das perfekte Produkt anzustreben. Man lernt durch das Feedback seiner Kunden. Deswegen gibt es ja von allen Apps die Versionen 2.1 und 2.3.1. Es ist sogar gut, diese Updates zu haben. Denn wenn jemand eine App heruntergeladen hat und hin und wieder Updates kommt, dann sieht er dies in seinem Update-Fenster. Das heißt, er wird an die App erinnert, wenn er sie vielleicht schon eine Weile nicht mehr benutzt hat. Und je cooler die Updates sind, umso interessierter sind die User.
Welche Rolle spielt bei solchen Lernprozessen das Feedback? In den USA gibt es ja jede Menge brillante Köpfe, die ein Business-Modell auseinandernehmen können.
Feedback zu bekommen ist ideal. Das ist in Deutschland sicher einfacher als beispielsweise in China, wo man Feedback fast gar nicht geben kann, ohne Gefahr zu laufen, dass der andere sein Gesicht verliert. In den USA gibt es eine ausgesprochen offene Feedback-Kultur. Es gibt vielleicht nicht unbedingt mehr brillante Menschen, die ein Business auseinandernehmen können. Aber es geht wieder um die Frage, wie offen man auf jemanden zugeht und wen man um Hilfe fragt.
Wie war das beispielsweise bei Eventbrite?
Im Board der Adviser sitzt bei uns Sean Moriarty, der ehemalige President und CEO von Ticketmaster. Er war genau die Person, die unser Gründer Kevin Hartz haben wollte, weil Moriarty natürlich sehr kritisch auf einen Wettbewerber schaut. Er ist für uns mittlerweile einer der wertvollsten Berater. Ich denke, dass ein Start-up hier in Deutschland auch einen Sean Moriarty finden könnte. Aber die Hemmung, jemanden zu fragen, den man vielleicht als Wettbewerber betrachtet, die ist hier sehr groß. Es gibt diese Scheu, sie offen um Rat zu bitten, gerade wenn es sich um jemanden handelt, der aus der gleichen oder einer ähnlichen Branche kommt.
Dabei sollte man diesen Rat möglichst schon in der Anfangsphase einholen.
Genau. Gründer im Valley werden dir oft erzählen, dass sie mit einem komplett anderen Business-Modell angefangen haben als dem, was sie dann zum Schluss realisierten. Wenn du zwei Jahre im Labor an deinem Produkt feilst und es dir dann jemand auseinandernimmt, dann ist das doch viel schlimmer, als wenn du nur zwei Monate an dem Projekt gearbeitet hast. Je länger du wartest, desto größer wird auch die Hemmschwelle. The earlier the better.
Glauben Sie, dass sich da in Deutschland gerade etwas ändert?
Ja, die ganzen Inkubatoren und Accelerator-Programme, die derzeit in Deutschland entstehen, werden dabei helfen, dies zu verändern. Denn den Start-ups werden so sehr früh Mentoren zur Seite gestellt, die helfen, das Produkt in die richtige Richtung zu entwickeln, einer der Gründer von Eventbrite, unser CTO Renaud Visage, ist hier sehr aktiv. Der sogenannte "access to resources" wird immer besser. Mittlerweile gibt es auch viele Start-up-Events in Deutschland, vor allem in Berlin. Wenn man das vergleicht mit der Situation vor drei, vier Jahren, dann ist das ein ungeheurer Sprung.